Aikido mit Reynosa-Sensei wie ich es heute verstehe

Die Gedanken, die ich gerne mit Euch teilen möchte, sind die Essenz einiger eMails mit Reynosa-Sensei, die wir (Sensei und Peter) austauschen. Wenn man lange Flugstrecken von seinem Sensei entfernt ist, dann sind eMails mit Fragen und Antworten eine tolle Hilfe. Geraldine und ich sind als Aikido-Lehrer und Mitschüler sehr dankbar für diese Art Hilfe von Reynosa-Sensei, der unsere eMails so prompt beantwortet, Seminare in Deutschland gibt und einen Aikido-Videokurs im Internet mit Hilfe seiner Frau und seines Sohnes ins Leben gerufen hat.

Die folgenden Gedanken sind über Jahre entstanden und eine Vorstellung und Idee, die Geraldine und ich gerade jetzt von Aikido haben. Die Ideen mögen sich noch verändern und reifen, aber wir möchten sie hier gerne (auf Wunsch unseres Senseis) mit Euch teilen:

Aikido ist ein Pool wunderbarer Dinge. Jeder Schüler kann etwas von Aikido lernen. Wenn man Aikido zu trainieren beginnt, dann denkt man alles wird beherrscht von Technik und Etikette. Aber Aikido ist eine Menge mehr. Einige Schüler haben Schwächen in der eigenen Arroganz, andere in Disziplin, einige in Pünktlichkeit, andere im sozialen Miteinander, wieder andere sind depressiv, andere sind Kämpfer (richtig aggressive und brutale Menschen), andere verstehen nichts von Mitgefühl, wieder andere haben schlechte Erfahrungen gemacht und suchen nach Techniken für Selbstverteidigung.

Es gibt sie alle: die unterschiedlichsten Menschen.

Die Schüler – ich werde jetzt mal Studenten sagen, damit es noch besser paßt – die mit uns trainieren (Geraldine und Peter in Deutschland) sind im Grunde alle sehr sensible Menschen. Menschen, die sehr schnell verletzt sind. (Sensei sagt sehr richtig, daß das Leben sensible Menschen braucht, aber wir müssen ihnen beibringen nicht schnell verletzlich zu sein.).

Andere Lehrer haben andere Studenten, weil die Studenten immer den Lehrer aussuchen, zu dem sie am besten passen und den sie am meisten mögen.

Wir beide (Geraldine und Peter) haben Reynosa-Sensei aus vielen Gründen heraus gefragt, ob wir seine Studenten sein dürfen. Aus Bauchgefühlen heraus :-). Vermutlich hat der Verstand noch gesagt: Reynosa-Sensei ist ein sehr fähiger Aikidoka und sein Aikido ist für uns bewundernswert und funktioniert. Ein anderer Teil unserer Gefühle hat gesagt: Reynosa-Sensei ist ein warmherziger und liebevoller Mensch. Das ist der Grund warum wir zusammen gekommen sind und wir sind sehr dankbar, daß uns Sensei als seine Studenten angenommen hat. Das bedeutet uns sehr viel.

Ich persönlich (Peter) habe Aikido angefangen, um auf die Matte herunter zu kommen, um an meiner eigenen Arroganz zu arbeiten und bescheidender zu werden. Um mich zu finden, über mich herauszufinden und ein besserer Mensch zu werden. Dies waren meine ersten bewußten Gründe, warum ich mit Aikido anfing.

Jahre später habe ich den Wunsch gehabt, ein bißchen von meinem bißchen Aikido-Wissen und der Aikido-Liebe weiter zu geben an diejenigen, die mit uns trainieren wollen. Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, das Klima ändert sich und die Welt ändert sich. So ändert sich auch das Bild von Aikido im Laufe der Zeit immer wieder.

Geraldine hat aus anderen Gründen mit Aikido angefangen. Andere Menschen aus anderen Gründen. Ich glaube, daß viele Studenten gar nicht bewußt wissen, warum sie Aikido trainieren. Der Kopf sagt: Selbstverteidigung, Aktivität/Sport, nette Mitstudenten, Spaß, Aikido ist einfach schön und gut für mich. Diejenigen, die einige Jahre lang Aikido trainieren und bleiben, werden etwas über ihre eigenen Schwächen herausfinden und Lösungen finden. Weil Aikido uns aktiv macht. Man reagiert nach längerem Training nicht mehr nur, sondern man agiert. Man findet Lösungen für Aufgaben. Wenn man die nicht findet, dann wir der uke (Angreifer) mich umstoßen. Man muß entweder mit tenkan oder irimi im Leben agieren. Das lernt man beim Aikido.

Eine der vielen Dinge im Aikido, mit denen ich nicht konform gehe, sind Graduierungen. Sie korrumpieren Menschen und das wirklich Schöne an Aikido ist, daß alle Studenten einen anderen Charakter haben, aber alle miteinander Aikido-Liebe teilen. Einige Studenten sind sehr geil auf eine höhere Graduierung, oder darauf mit ihrer MAK-Mitgliedschaft zu protzen. Andere beginnen mit Aikido (oder beginnen erneut), um ihre Arroganz zu bekämpfen, so wie ich persönlich. Ich bewundere Reynosa-Sensei für seine Toleranz, die er im Laufe der Zeit entwickelt hat und gerade deshalb sein Student zu sein, obwohl ich über Graduierungen und einige andere Dinge andere Meinungen habe als er selbst (z. B. Randori lol).

Aus Sicht eines Senseis ist ein Student den man unterrichtet jemand, den man auf die richtige Spur leiten kann. Das ist nur dann erfolgreich, wenn jemand willens ist und nicht für Graduierungen oder aus anderen sehr simplen Gründen trainiert. Ich habe erfahren, daß man den wahren Charakter der Menschen nur in Streßsituationen kennen lernt. So wie beim Zahnarzt oder in einem Autounfall oder wenn die Menschen in einer langen Schlange vor der Kasse im Supermarkt stehen oder wenn man eine Aikido-Prüfung ablegt (Prüfungen sind aus meiner persönlichen Sicht sehr wichtig – Graduierungen nicht). Während einer Prüfung kann man beobachten, daß einige Aikido-Studenten sehr hart und brutal werden. Den Charakter seiner Mitstudenten kann man bei Prüfungen erkennen.

Genau dann kann man erkennen, was diese Menschen wirklich sind. Die einen werden extrem aggressiv und verletzen Mitschüler, andere (wie Geraldine) sind sehr gute Naturen und lösen Aufgaben ohne jemand anderen zu verletzen. Das ist meine Überzeugung.

Und dann ist da noch Shu-Ha-Ri, welches ich versehe als einen Kreis, den man die ganze Zeit immer wieder neu durchläuft (Dank an Helmut!). Das bedeutet: man kommt in die Ri-Stufe (nach ungefähr 50 Jahren Training, lol) und fängt wieder mit der Shu-Stufe an. Einge Menschen werden erst richtig unausstehlich, wenn sie eine höhere Graduierung erreicht haben und anderen Unterricht geben. Einige von denen bemerken das und starten wieder in der Shu-Stufe. Ich persönlich brauche die ganze Zeit sehr viel Shu!

Die weiblichen Partner im Leben sind so wertvoll für Männer, weil sie Energie mit Liebe ersetzen. Frauen sind ein wunderbarer Einfluß auf Männer. Einige Frauen machen aus ihren Männern wirklich liebevolle, mitfühlende und bessere Menschen. Sicherlich ist dies einer der Gründe, warum Aikido so effektiv ist: weil Frauen auf dem selben Level mit Männern trainieren.

Ich glaube es geht nicht darum, was man kann, sondern was man umsetzen will. In anderen Worten: Es ist nicht wichtig, ob man eine Rolle oder eine Technik kann, sondern ob man sich ständig darum bemüht und es wirklich möchte. Man darf niemals aufgeben.

Und Aufgeben ist so ziemlich das Üblichste in der modernen Welt. Einige geben ihre Partnerschaft nach kurzer Zeit auf, andere geben Aikido nach nur wenigen Wochen Training auf. Nur ganz wenige (!) Studenten haben die Kontinuität und den Willen Aikido länger als zwei Jahre lang zu trainieren. Nur sehr selten sieht man heutzutage Menschen etwas tun, was Anstrengungen abverlangt (was sie aus der Komfortzone bringt). Nur diejenigen, die eine wirklich kontinuierliche Anstrengung unternehmen, sind möglicherweise später mal Senseis und teilen die Liebe im Aikido mit anderen, indem sie geben, nicht konsumieren.

Das Machen und die Anstrengung ist das, was den Menschen in die Gänge kommen läßt. Am Ende (es gibt kein Ende) dieser Bemühungen wird man ein besserer Mensch.

Reynosa-Sensei und andere Senseis im Budo sind in einer sehr schwierigen Position mit vielen so verschiedenen Menschen, um die sie sich kümmern. Ich bemerke wie kompliziert und was für eine große Aufgabe das ist. Ich bewundere Sensei´s Toleranz und die Liebe die er weitergibt und lerne von ihm und anderen eine Menge. Etwas was ich an unsere Mitschüler weitergebe. Ich habe andere Senseis im Aikido getroffen und keiner von ihnen hatte sein Verständnis. Das heißt nicht, daß Reynosa-Sensei ohne Fehler ist (hoffentlich).

Aikido an andere weiterzugeben scheint der richtige Weg Aikido zu verstehen und genau so wird Reynosa-Sensei´s Aikido (und Liebe) in dieser Welt weiterleben. Ich bin für seine Lebens-Lehre extrem dankbar.

1 Kommentar

  1. Hallo,
    Danke für den Artikel Peter. Ich finde, dass die Kernaussage (und auch die Randaussagen) sehr richtig und sehr wichtig sind. Toleranz und mit der Unterschiedlichkeit und Vielfalt an Menschen umzugehen ist sicherlich eine der Hauptaufgaben im Budo. Und auch die ewige „Wieder-von-vorne-Anfangerei“- und „Niemals Aufgeben“- Haltung, sind sicher zentrale Aspekte des Weges, den wir uns zu gehen entschlossen haben (Jeder auf seine Weise natürlich). Du hast noch viel mehr Dinge angesprochen aber im Ganzen stimme ich dem kommentarlos zu ich will rmi schließich auch keinen Schreibwolf holen =).
    Ich würde deine Aussage von Toleranz und Warmherzigkeit gerne mit einer Erfahrung die ich in Toyko gemacht habe unterstreichen. Es ist sehr auffällig, das all‘ die Budolehrer, die WIRKLICH wissen, was sie tun, und auch sehr viel gemeistert haben, nichts weiter sind als freundliche, höfliche, zuvorkommende, geduldige und vor allem gut gelaunte alte Leute sind. Im Gegensatz dazu erkennt man die Scharlatane daran, dass sie mit aufgesetzter Härte und Grimmigkeit immer wieder herausstellen müssen, was sie alles können. Dabei gehen sie zum Teil soweit, dass die in freien Übungen (! mit nichten Wettkampf sondern ÜBUNGEN !) selbst mit Kindern zu stolz sind, sich einfach werfen zu lassen, damit das Kind die Technik üben kann, sondern sie wheren sich und weichen der Technik aus (oder noch schlimmer widerstehen ihr mit purer körperlich größerer Stärke) mit der Begründung „deine Technik ist halt nicht perfekt warum sollte ich dann fallen“. Ganz einfach, weil das Kind üben muss und es noch nicht besser kann.
    Ein wirklicher Lehrer geht morgens gut gelaunt zum Bäcker und holt seine Brötchen wobei er mit der Verkäuferin noch ein wenig schelmisch plauscht, und hat in 10 Jahren bei diesem Bäcker vllt 2 oder 3 mal in einem Nebensatz erwähnt, dass er Budo trainiert. Der Scharlatan geht grimmig und wortkarg seine Brötchen holen und wird dabei laufend betonen, dass er aufgrund seines x-ten Dans es nicht nötig hat das Werk des Bäckermeisters (der nicht umsonst BäckerMEISTER heißt) wertzuschätzen. Diese Scharlatane haben minderwertigkeitskomplexe und können nicht anerkennen, wenn jemand anders ein gutes Werk getan hat. Wie zum Beispiel der Bäcker der jeden Morgen haufenweise warme frische leckere Brötchen für hungrige Mäuler fabriziert und dafür auch noch mitten in der Nacht aufstehen muss.
    Das war das Wort zum Sonntach =). Das sollte einige von Peters Aussagen vllt noch ein wenig untersützen, auch wenn es sich nciht auf jede von Peters aussagen bezieht. (ist auch schwierig, denn du hast über sehr viele verschiedene Dinge geschrieben aber ich stimme dir zu).

    liebe Grüße
    Tobi

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