„Shu Ha Ri“ – die Lernstufen im Budo / Aikido

„Shu-Ha-Ri“ ist der japanische Begriff für die Entwicklung beim Lernen von Budo / Aikido.

„Shu“ bedeutet laut Masayuki Shimabukuro entweder „erhalten“ oder „gehorchen“. Der Anfang vom Aikido-Training ist hier gemeint, in dem der Schüler mit Enthusiasmus lernt, was der Lehrer zeigt. Ein Teil davon ist die Akzeptanz der Korrektur durch den Lehrer (Anm.: besser sogar die Dankbarkeit dafür), aber wie alles im Leben hat auch „Shu“ noch eine andere Seite, nämlich den Schutz des Schülers durch den Lehrer. Für den Lehrer / Sensei bedeutet das, den Schüler zu motivieren, ihm das Lernen zu erleichtern und den Schüler zu fördern.

Ziel der „Shu“-Stufe ist das Erlernen gleicher Formen und Techniken, die bei allen Schülern die gleichen Anlagen haben sollen, gleich welcher Charakter, welcher Körper und welche Voraussetzungen. Diese Formen und Techniken sind die Grundlage für alle zukünftigen Aktivitäten, das Weiterlernen.

Die zweite Stufe „Ha“ hat laut Masayuki Shimabukuro im Japanischen auch eine Doppelbedeutung. Es bedeutet sowohl „Frei werden“ als auch „Frustration“. Ab einem bestimmten Lerngrad, kommt ein Freiwerden des Schülers. Das bedeutet, daß der Schüler seine gelernten Techniken freier gestaltet, die Grundlagen verläßt und weiterentwickelt. Es entwickelt sich die Individualität im Aikido und gleichzeitig auf einer anderen Ebene, fängt der Schüler an, die Hintergründe von vielen Techniken und Formen zu verstehen und zu hinterfragen.

In dieser zweiten Stufe ist das Verhältnis von Kohei zu Sensei ähnlich dem von Kind zu Eltern. Der Schüler ist jetzt gleichzeitig auch Lehrer und auch weiterhin Schüler.

„Ri“ ist die dritte Stufe, bei der der Schüler intensiv gelernt/trainiert hat und das Wissen des Senseis „absorbiert“ hat. Für die Techniken bedeutet „Ri“ ein Loslassen und Weiterentwickeln durch eigene kreative Impulse. Das Verhältnis des Schülers zum Lehrer und den anderen Schülern ist jetzt ähnlich dem zu den Großeltern und eigenen Kindern. Es ist ein Verhältnis Großeltern – Eltern – Kinder und nach Masayuki Shimabukuro eine starke Verbindung. Der Schüler ist jetzt unabhängig, hat sich von seinem Lehrer räumlich getrennt und lernt durch eigene Entwicklung und Erfahrung. Er sucht die Unabhängigkeit von seinem Lehrer/seinen Lehrern und darf dabei nicht vergessen auch die eigenen Schüler in diese Unabhängigkeit zu führen. Auch „Ri“ hat hier eine doppelte Bedeutung.

Shu-Ha-Ri AikidoLaut Masayuki Shimabukuro ist „Shu-Ha-Ri“ wie ein Kreis in einem Kreis in einem Kreis. „Ri“ beinhaltet „Ha“ und „Shu“, „Ha“ beinhaltet „Shu“ und dann ist in der Mitte die Stufe „Shu“ selbst. Im Idealfalle übertrifft der Schüler den Lehrer in Wissen und Geschicklichkeit. Aikido und Budo können so wachsen.

Nach unserer Ansicht, lernt man Im Idealfalle sein ganzes Leben lang immer dazu. Man wird nie fertig, sondern arbeitet immer an sich weiter. Es gibt im Leben so viele Schulen und nie hört man im besten Falle wirklich auf, mit der Aufnahme von Informationen. Sicher beginnt das Lernen mit der Schule der Eltern, die einem das Leben in die Wiege legen. Man lernt zu Essen, zu Kommunizieren, zu Laufen, zu Lernen, Formen der Höflichkeit / der Etikette. Dann irgendwann kommt der Kindergarten, die Schule, die Ausbildung zum Beruf, die Fortbildung, das ständige Lernen bei der Arbeit. Selbst bei so profanen Dingen wie dem Autofahren, lernt man ständig dazu. Zum Schluß des Lebens lernt man sogar zu Sterben, man kehrt zum Anfang zurück.

Der Beginn im Aikido wie im Leben ist das Erlernen der Form und der Technik. Im Aikido lernt man zunächst das Begrüßen oder das „Shugyo“ („Spirituelles Training“, wird noch in einem nächsten Artikel erklärt, aber „Shu“ steckt schon im Begriff drin). Es folgen andere Formen der Höflichkeit, wie das Aufbauen und Abbauen der Matten, die Verbeugung, das Bedanken, das Auf-Wiedersehen-Sagen, die Aufmerksamkeit anderen beim Gürtelbinden zu helfen und vieles andere mehr. Ergänzt wird diese erste Stufe „Shu“ von den Techniken, die man im Aikodo lernt. Das mögen z.B. Ikkyo, Nikyo, Sankyo, Yonkyo oder Basistechniken sein, um sich nicht Packen zu lassen.

Tatsächlich ist es sogar so, daß ohne die Form kein Inhalt möglich ist. Um es zu verdeutlichen: wer sich nicht verbeugt, kann auch keine anderen Dinge lernen. Woran das liegt ist kein Geheimnis. Nehmen wir ein Beispiel:
Ein Schüler bewirbt sich bei einer Ausbildungsstelle. Er stellt sein Auto auf den Parkplatz mit Reservierung und kommt folgerichtig nicht mal bis zur Vorstellung, sondern wird vorher noch auf seinen Fehler hingewiesen und darf wieder gehen. So geschehen im Leben, in Kempen. Das ist das Prinzip Leben und Aikido. Wer hofft um die ehrliche Etikette (Formen der Höflichkeit) herum zu kommen, ist also im Irrtum. Im Gegenzug bedeutet dies: wer Aikido lernt, der hat es wesentlich leichter im Leben und wird enorme Vorteile haben in allen Lebenslagen. Nicht nur wegen der Etikette oder Formen, sondern auch noch aus vielen anderen Gründen.

Für Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, beinhaltet dies die Chance, einen wesentlich einfacheren Weg vor sich zu haben. Es läßt sich z.B. viel leichter ein Arbeitsplatz mit der Disziplin von gutem Aikido / Budo bekommen. Es ist einfacher aus einer Arbeitslosigkeit heraus zu finden, ja sogar mit Schmerzen, Krankheit oder dem Tod umzugehen.

Nach unserem eigenen Verständnis, ist in unserem Breitengrad die Entwicklung von der ersten zur letzten Lernstufe fließend. Der Schüler gibt, wenn es gut läuft, schon im frühen Stadium sein Wissen bereitwillig an andere weiter. Das mag noch nicht bewußt passieren, aber es wird auch schon in der „Shu“-Stufe oft begleitet von dem Hinterfragen, dem Verstehen. Das wird in diesem Level noch ein anderes Verstehen sein, als in der zweiten Stufe „Ha“, wird aber sicher schon jetzt aufgebaut. Auch kann man keine wirkliche Lerndauer für die erste Stufe bis zur zweiten Stufe angeben. Die Entwicklung ist bei jedem anders und auch abhängig vom Enthusiasmus, von der Bereitwilligkeit, von der Akzeptanzfähigkeit Kritik aufzunehmen, vom Alter und der Lebenserfahrung. Auch ist sie abhängig von den Lehrern/Senseis und deren Liebe und Motivation. Dabei müssen Erwachsene oft erst wieder den Respekt und die Aufmerksamkeit lernen, sind aber im Vorteil die Hintergründe zu erfassen. Kinder und Jugendliche hingegen lernen die Techniken oft schneller und intuitiver und stehen sich meist weniger selbst im Weg durch das Hinterfragen.

Wie so oft findet die Theorie und Philosophie nicht immer eine korrekte Umsetzung im Leben. Oft verlassen Schüler schon bei der Anstrengung der „Shu“-Stufe das Dojo. Manchmal weil sie andere Interessen haben, manchmal weil Ihnen die Etikette zu viel Mühe bedeutet. Dann wieder gibt es auch Lehrer die, aus welchen Gründen auch immer, den Kontakt zu Ihren eigenen Lehrern oder Schülern abbrechen. Im Budo ist es wie im Leben: abhängig von den Menschen und immer anders.

Die Entwicklung von „Shu-Ha-Ri“ ist keine einfache und sicher auch keine zwangsläufige. Sie kann nur zustande kommen, wenn alle Umgebungsvariablen stimmen, wenn die Chemie stimmt. Auch ist das Alter und die Lebenserfahrung eine wichtige Komponenten in der Entwicklung. Dann kommt hinzu, wie häufig Budo/Aikido geübt wird, wie intensiv es verfolgt wird.

Im Prozeß des Lernens gibt es wiederum Momente, wo man glaubt nicht mehr zu lernen, nicht weiterzukommen. Es gibt sogar Momente, in denen man die erlernten Ukemi (Fallübungen) scheinbar nicht mehr kann. Vermeintliche Rückschläge wie man sie im Leben oft antrifft. Sicher ist es für Senseis auch nicht einfach seine Kinder/Schüler zum eigenen Denken und Handeln und damit zum Verlassen des Hauses/Dojos zu erziehen und gehen zu lassen. Es ist nicht einfach, sondern eine Gratwanderung, den Schülern gleichzeitig Disziplin, Respekt, Technik, Selbstbewußtsein und Motivation mitzugeben. Und schließlich sehr schwierig, den Schülern auch anhand der Geschichte beizubringen, warum es wichtig ist, nicht einfach blind zu vertrauen, sondern alles zu verstehen und nicht einfach nur nachzumachen. Die eigene Meinung und Haltung der Schüler zu entwickeln und alle guten Eigenschaften zu katalysieren.

Man könnte Bücher schreiben über Aikido insgesamt und Shu-Ha-Ri im besonderen. Die Entwicklung von der Form über die Weiterentwicklung/das Verlassen der Form bis zur Intuition und zum Anfang zurück ist jedenfalls in vielen Lebensaufgaben wiederzufinden. Die Parallele zum Leben ist offensichtlich: Kindheit, Jugend und Reife. Letztlich stellt sich dieser Prozeß allerdings auch nur ein, wenn man dran arbeitet (jap. Nesshin/ dt: Streben). Man wird die Reife nicht ohne die Form erlangen und muß auf die innere Haltung achten.

Unserer besonderer Dank an Masayuki Shimabukuro und unsere Lehrer für die Übermittlung des Wissens.

3 Kommentare

  1. Jörn aus der Aikido Gruppe

    Shingen

    Am Anfang fängt man herunterfallene Tassen auf, in laufe der Zeit steigert sich diese Art von Aufmerksamkeit mehr u. mehr.
    Man nimmt besser Probleme wahr, sieht mehr in anderen Gesichtern als sich erkennen lässt und lernt noch viele andere Dinge, die jeder für sich selbs herausfinden muss.

    Masayuki Shimabukuro ist einer der wichtigen Menschen im Budo und er beschreibt das Prinzip der Aufmerksamkeit in vier Schritten:
    „Nikungen -> Tengen -> Egen -> Shingen“. Wenn man die Erläuterungen zu den vier Begriffen liest, dann stellt man fest wie philosophisch Budo eig. sein kann.

    Die erste Stufe „Nikugen“ (was der Autor als „Naktes Auge“ bezeichnet) – ist ein zweidimensionnales „Sehen“, was man besser mit „Erkennen“ zu übersetzen mag. Bei dieser Stufe erkennt man etwas, wo man nicht wirklich die Form und den Hintergrund erkennt. Kann man auch besser mit ein Stadium von einem kleinkindes zu vergleichen.

    Die zweite Stufe – “ Tengen“ – kann man besser als „Neutrale Perspektive“ bezeichnen. Man meint damit, das man jetzt schon bei vielen Bäumen automatisch den Wald erkennt.

    Die Dritte Stufe – “ Egen “ – ist eine „Interpretative Sicht“, die man bei vielen erwachsenen Menschen feststellen kann.
    Auf dieser Stufe ist es möglich einen Unfall vorher zu erkennen,
    weil man merkt, dass sich zwei Autos an einer Kreuzung nicht sehen können u. es so zu einen Crash kommen muss.
    Allerdings, so schränkt Masayuki Shimabukuro ein, ist “ Egen“ bei vielen Menschen auf physikalische Vorgänge beschränkt, während man doch mit dieser wahren „Egen“-Stufe im Grunde wesentlich mehr erkennen könnte.
    Zum Beispiel wenn zwei verschiedene Charaktere aufeinander stoßen.

    Aber die interessanteste Stufe ist „Shingen/Högen“- die übersetzung heißt nicht „Mitleid“ sondern man meint „Mitgefühl“ .
    Das ist ein riesiger Unterschied – vielleicht im übertragenen Sinne zu beschreiben mit der Eltern-Kind-Beziehung der beiden Worte zueinander.
    Viele Menschen kommen gar nicht erst auf diese Stufe. Der wahre Samurai versteht die Dinge objektiv zu sehen und vorherzusehn, welche Ereignisse sich aus dem Handeln bilden werden. Er bewertet die Dinge und Meinungen nicht allein für sich selber, sondern er nutzt seine Weisheit und sein Mitgefühl für alle die betroffen sind, so dass sein Handeln nicht das Beste für ihn selbst bedeutet, sondern das Beste für die Gesellschaft als Ganzes.

    Es ist interessant, was sich noch hinter dieser vierten Stufe verbirgt. Aber Fakt ist, dass es enorm lange dauern dürfte, bis man in die Nähe dieser Art von Aufmerksamkeit kommt, denn dagegen spielt immer das Ego und die eigenen Erfahrungen/Voreingenommenheiten.
    Die Fähigkeiten dieser Stufe ist, einen Menschen nicht mehr vom Aussehn und anderen Äußerlichkeiten abhänigig zu erkennen. Sondern man blickt durch die Fassade ins Herz und erkennt die wahre Persönlichkeit.
    Die Ansichten von Masayuki Shimabukuro sind höchst interessant und beschäftigen sich zu einem sehr großen Teil mit Etikette und Philosophie.
    Er ist ein ganz großer und ein ganz wichtiger Vertreter des Budo und der Menschlickeit.

  2. ChristianL

    Als mich unsere seinseis auf diesen Artikel aufmerksam gemacht haben wollte ich eigentlich etwas dazu schreiben wie sich Shu Ha Ri bei mir entwickelt, das hätte aber ein eigener Blog werden müssen. Stattdessen möchte hier einen Begriff ergänzen: Shoshin – Der Anfängergeist, irgendwo im Netz habe ich foglende Ausführung dazu gefunden:

    Lernen und Trainieren im Aikido erfordert ein gewisses Maß an Unvoreingenommenheit. Zwar geschieht das Üben der Techniken durch ständiges Wiederholen; aber strenggenommen ist jedes einzelne Mal das erste Mal: Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen. Keine zwei Angriffe sind gleich, und damit können auch die Reaktionen darauf nicht gleich ausfallen.
    Mit der Vorstellung „diese Technik kenne ich schon“, werde ich eine mir unbekannte Variante einer Technik möglicherweise für falsch halten, oder mir mögen neue Details oder Prinzipien einer Bewegung entgehen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich eine Geisteshaltung zu bewahren, die eine Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber dem Lernen gewährleistet: die Geisteshaltung des Anfängers.

    Aus den Gesprächen mit Geraldine und Peter ist mir dieses Prinzip klar geworden, ich hab am Anfang stets versucht alles in Kategorien und Muster zu pressen und war stets der Meinung alles schon Verstanden zu haben. Erst der Schritt zu akzeptieren, dass mir ohne das Erlernen der Form (Shu) eine Einsicht in die Techniken und dahinterliegenden Prinzipien gar nicht möglich ist, und damit meinen Kopf beim Training von diesem störenden Balast frei zu bekommen (Shoshin), wäre ich mittlerweile arg frustriert und würde wahrscheinlich lieber wieder zu Hause auf dem Sofa sitzen. Mit freiem Kopf und korrigierten Selbstanspruch hingegen lerne ich bei jedem Training etwas hinzu, erkenne Details, habe viel mehr Aufnahmekapazitäten frei für das was gerade in dem Moment wichtig ist und habe so auch immer Spass beim Training und werde noch lange Aikido praktizieren.

  3. Das Leben hält in all seinen Facetten ständig Shu-Ha-Ri-Prozesse bereit. Ich kann beim Aikido in der ersten Stufe sein, aber beim Autofahren ist es die Dritte. Innerhalb von Aikido selbst gibt es Formen, die man leidlich gut beherrscht und verfeinert. Jjedoch kann man es bei anderen Formen gerade mal vermeiden, über seine eigenen Füße zu stolpern.
    Das Leben ist ein immerwährender Lernprozess bei dem es darauf ankommt, in den für einen selbst bedeutsamen Feldern die nächste Stufe zu erreichen. Aber die Erkenntnis ist nicht neu. Die Wenigsten können in Allem gleich gut sein. Aber man könne es versuchen. Oder?

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