Warum ich Aikido trainiere…

Die Frage ist inspiriert durch den sehr offenen Artikel von Reynosa-Sensei im Newsletter Mitte 2005. Was Reynosa-Sensei hier beschreibt sind Höhen und Tiefen in über 30 Jahren Aikido.

Ich kann „nur“ auf sechs Jahre Aikido zurückblicken. Das ist so, als könne man ein bißchen laufen, fiele aber doch immer noch auf die Knie. Budo wird mehr in Jahrzehnten bemessen, als in Jahren oder Monaten. Das wird viele Anfänger vielleicht überraschen, die schnelle Erfolge wittern. Die Selbstverteidigungskomponente würde vielleicht in Monaten erlernbar sein. Aber es geht um viel mehr.

Wer mit 38 Jahren anfängt Aikido zu üben und nie vorher mit Budo in Kontakt war, der ist gewillt etwas neu anzufangen, etwas auszuprobieren und von ganz unten anzufangen. Eine gute Übung im Leben, denn der Neuanfang passiert vielen Menschen im Beruf, im Privatleben und auch im Freundeskreis immer wieder. Selbst Schulen durchläuft man sein Leben lang. Man lernt nie aus und wer noch gewillt ist immer dazuzulernen, der hat sicher deutliche Vorteile im Leben, der bleibt viel länger jung.

Am Anfang stehen im Aikido sehr viele Eindrücke. Man lernt „jumbi taiso“ (Gymnastik die genau die Partien im Körper warm macht und dehnt, die nachher im Training gefordert werden), lernt ukemi (Rollen, die einem helfen einen Schubser und eine Technik zu überleben), Basistechniken und Partnerübungen. Was von außen noch einfach aussieht, ist schnell ein Verwirrspiel aus der angreifenden Hand, links und rechts, der Fußstellung, zu viel Kraft, Steifheit, Abstand und Timing. Es ist so als hätte man Aikido nie in seinem Leben auch nur ansatzweise kennen gelernt. Nichts scheint bekannt zu sein – sehen wir mal von einigen gymnastischen Vorübungen (jumbi taiso) ab.

Man lernt schnell die Grundbegriffe der Etikette, die Verbeugung, das ehrliche Angrüßen, das Zuhören, Zusehen, Abgucken, Nachmachen. Bis das alles aber einsickert, dauert es ein bißchen. Man versteht, daß Aikido mit all den Techniken ein endloses Kapitel im Leben sein kann. Daß man hier nicht auslernt. Und genau dies ist der Anreiz. Zu viele Dinge im Leben hat man schnell verstanden oder vermeintlich verstanden. Diese Dinge bedeuten keine Herausforderung. Es ist wie mit der Eisenbahn. Das was richtig Spaß macht, ist das Planen und Aufbauen der Gleise. Das Fahren ist schnell getan und schon wird ein anderer Kreis ausgetüftelt. Die Phantasie ist das, was wirklich Spaß bereitet.

Nach ein paar Jahren kann man im Aikido – ja was kann man eigentlich? Man hat gelernt einen Wurf zu überleben, kann einige Techniken und feilt weiter an allen Ecken und Enden. Gerade die vermeintlich einfachen Übungen sind die schwersten. Da heißt es die Technik ikkio weiter zu schleifen bis es paßt. Der Abstand stimmt nicht, die Effektivität stimmt nicht, der Uke (Übungspartner und Angreifer) kreischt. Alles nicht optimal. Man lernt sich immer weiter zu korrigieren und man lernt daß es nicht aufhört. Daß man nicht ankommt an einem Ziel. Das Ziel ist der Weg. Und das ist die wirkliche Herausforderung, zu der es im Leben so viele Parallelen gibt.

Schon nach kurzer Zeit bemerkt man den Effekt von Aikido auf das Leben außerhalb des Dojos (Übungsraum). Man hat Muskelkater und ist doch erholt. Entspannt und auch viel ausgeglichener. Viele Menschen bestätigen, daß Aikido ein Ausgleich ist zum Beruf, zu Aufgaben des Tages. Die ersten interessanten Beobachtungen an sich selber sind auch, daß man plötzlich Herunterfallendes auffangen kann und nicht regungslos dabei steht.

Diese Aktion die man in dem Moment des Herunterfallens, z.B. einer Tasse ausübt, läßt sich auf alles übertragen. Man geht mit vielen Aufgaben des Lebens viel selbstständiger und aktiver um. Das kann eine große Sache wie ein Arbeitsplatzverlust sein, aber auch eine Aufgabe wie das Kind, welches fast auf die Strasse läuft. Man wird sofort aktiv.
Um es abzukürzen: Aikido schult die Aufmerksamkeit, die sozialen Komponenten wie Etikette/Höflichkeit, Moral, Ethik und natürlich den Körper. Da aber Körper und Geist eine sehr starke Beziehung pflegen, ist genau deshalb die Bewegung und die Anstrengung und Konzentration, die Meditation des Kopfes so wichtig und dazugehörig.

Worin unterscheidet sich jetzt Aikido zu anderen Budoarten wie Judo oder Karate? Offensichtlich sind die Unterschiede in der Technik. Aikido blockt nicht, sondern leitet Kraft um. Aikido kann mit mehreren Gegnern umgehen. Es ist keine Kraft nötig, weshalb es bis ins ganz hohe Alter ausgeübt werden kann. Es gibt keine Wettbewerbe – auch nicht im Training. Es gibt keine Siege, außer dem über sich selbst. Bei uns gibt es nicht mal Graduierungen, die in vielen anderen Dojos als „Motivation“ vergeben werden (zu den Gründen auch bald mehr auf diesen Seiten).
Es geht um viel mehr als Selbstverteidigung. Um viel mehr als Bewegung und Aufmerksamkeit. Es geht um die Verinnerlichung der Prinzipien für das Leben. Um die Förderung von guten Eigenschaften jedes Teilnehmers. Darum das Leben zu lernen, mit Ängsten und Chancen umzugehen und mit dem Tod zu leben. Verantwortung zu übernehmen für den Planeten, die Mitmenschen. Es geht darum Vorurteile abzubauen, sich zu öffnen für Neues, viele Dinge zu Entdecken. Vor allem sich selbst zu entdecken. Den ganzen Mist in seinem Kopf und den Gefühlen kennenzulernen und damit offen umzugehen. Zu tun und nicht darüber zu reden.
In den Waffentechniken ist jeder Schnitt mit einem bokken (Holzschwert) ein Schnitt mit sich selber. Es ist kein Angriff wie viele Anfänger manchmal meinen, auch keine Verteidigung. Wer führt schon ein Holzschwert auf der Straße mit sich? Es ist das Polieren des Egos was hier mit jeder Bewegung ein bißchen vorankommt.

Aikido lehrt wie verletzlich man ist und wie bescheiden man sein muß. Wie gut Respekt, Toleranz, Güte, Aufrichtigkeit und viele gute andere Hakamafalten (wir erklären das ein anderes Mal, aber der Hakama ist der Hosenrock und hat sieben Falten) einem tun. Man lernt Dankbarkeit gegenüber seinen Lehrern und Kollegen (vielen Dank für das was Ihr losgetreten habt, Esther-Sensei, Bruno-Sensei und Reynosa-Sensei!).

Worauf es wirklich ankommt im Leben findet man selber heraus. Der Sensei (Lehrer) ist der wichtige Katalysator für die positive Entwicklung des Schülers, des Kindes, Jugendlichen und Erwachsenen. Probieren Sie es aus.

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